Die meisten kennen nur eine Art zu wählen: Man kreuzt an, wer die meisten Kreuze hat, gewinnt. Punkt. Aber das ist weder die einzige noch immer die fairste Methode. Heute schauen wir uns ein Wahlverfahren an, das bereits im 18. Jahrhundert erdacht wurde – und bis heute in keiner Nationalwahl weltweit angewendet wird, obwohl es theoretisch eines der gerechtesten ist: das Condorcet-Verfahren.
Marie Jean Antoine Nicolas de Caritat, Marquis de Condorcet, war französischer Mathematiker, Philosoph und Revolutionär. 1785 veröffentlichte er eine Abhandlung über Wahlmathematik, in der er ein Problem beschrieb, das bis heute relevant ist: Dass Mehrheitsentscheidungen zu paradoxen Ergebnissen führen können – das sogenannte Condorcet-Paradox. Und gleichzeitig formulierte er, was eine wirklich faire Wahl auszeichnet.
Beim Condorcet-Verfahren stimmen Wählerinnen und Wähler nicht einfach für eine Kandidatin oder einen Kandidaten. Stattdessen geben sie eine Rangfolge aller Kandidierenden an: „Mir ist A lieber als B, B lieber als C."
Das System wertet diese Rangfolgen dann paarweise aus: Wer würde bei einem direkten Duell zwischen A und B gewinnen? Wer bei B gegen C? Wer bei A gegen C? Die Kandidatin oder der Kandidat, der alle paarweisen Vergleiche gewinnt, ist der sogenannte Condorcet-Sieger – und wird als gewählt betrachtet.
Beispiel: Bei einer Vorstandswahl mit drei Kandidierenden – Müller, Schmidt und Bauer – gibt jedes Mitglied eine Rangfolge an. Wenn Müller sowohl gegen Schmidt als auch gegen Bauer in direkten Vergleichen die Mehrheit erhält, ist Müller der Condorcet-Sieger, unabhängig davon, ob er die meisten Erstpräferenzen hatte.
Hier wird es trickreich. Manchmal ergibt sich aus den paarweisen Vergleichen kein klarer Sieger, sondern ein Zirkel: A schlägt B, B schlägt C, C schlägt A. Das ist das Condorcet-Paradox – und es tritt in der Praxis gar nicht so selten auf.
In diesem Fall braucht man eine zusätzliche Auflösungsregel. Gängige Varianten sind das Schulze-Verfahren (das stärkste „Gewinneranteile"-Verfahren) oder das Kemeny-Young-Verfahren (das die gesellschaftlich konsistenteste Gesamtrangfolge sucht). Beide sind mathematisch elegant – und erklärungsbedürftig.
In nationalen Parlamentswahlen: nirgends. Der Erklärungsaufwand ist zu hoch, die Auszählung aufwändig.
In kleineren Organisationen, Online-Communitys und bei technisch versiertem Publikum: durchaus. Die freie Softwarecommunity Debian etwa nutzt das Schulze-Verfahren (eine Condorcet-Variante) seit Jahren für interne Abstimmungen. Auch verschiedene Vereine und NGOs weltweit setzen es ein, wenn es darum geht, aus vielen Optionen die konsensstärkste auszuwählen.
Wer nach dem Condorcet-Prinzip gewählt wird, ist nicht unbedingt die Person mit dem lautstärksten Fanklub – sondern die Person, die den breitesten Konsens trägt. Das ist ein grundlegend anderes Demokratieverständnis: nicht „wer hat die meisten Fans?", sondern „wer polarisiert am wenigsten und überzeugt die meisten?"
In Zeiten politischer Spaltung ist das ein bemerkenswerter Ansatz.
Das Condorcet-Verfahren ist eines jener Konzepte, die theoretisch überzeugend sind und praktisch auf Widerstand stoßen – weil Vereinfachung in der Demokratie oft wichtiger ist als mathematische Perfektion. Für kleinere Wahlen mit informierten Teilnehmenden, etwa in Vereinen, Beiräten oder NGOs, lohnt es sich jedoch, einen Blick darauf zu werfen.
Manchmal liegt die fairste Entscheidung nicht bei der Kandidatin mit den meisten Erststimmen – sondern bei der, mit der die meisten leben können.