Das Exponat zeigt nicht nur Deutschland. Es zeigt auch Europa. Und der Vergleich ist aufschlussreich – nicht weil er überraschend ist, sondern weil er so klar ist.Ich war letzte Woche im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig. Wenn man dort durch die Ausstellung geht, sieht man die Geschichte Deutschlands nacherzählt – die Teilung, die DDR, die Friedliche Revolution, die Wiedervereinigung. Und irgendwann stößt man auf ein Exponat, das mich länger beschäftigt hat als alle anderen: den Demokratieindex Ost- und Westdeutschland im Vergleich.
Die Zahl, die nachhalltDas Zeitgeschichtliche Forum zeigt einen Vergleich des Demokratieindex für Ost- und Westdeutschland. Westeuropa insgesamt schneidet deutlich besser ab als Osteuropa: Der Demokratieindex für Westeuropa liegt 2024 bei 8,38 von 10, für Osteuropa und Zentralasien bei 5,35 von 10.
Das ist eine Differenz von drei Punkten auf einer 10-Punkt-Skala. Das ist beachtlich.
Deutschland sollte in diese Kategorie eigentlich nicht fallen. Deutschland ist wiedervereinigt. Deutschland ist ein gefestigter Rechtsstaat. Und doch: Der Osten Deutschlands bewegt sich in seinen Demokratiewerten näher an osteuropäischen Werten als an westeuropäischen.
Warum?
Was der Demokratieindex misstDie Economist Intelligence Unit (EIU) misst Demokratie anhand von fünf Kategorien:
- Electoral process and pluralism – Wahlprozess und Vielfalt der Kandidat:innen
- Functioning of government – Funktioniert die Regierung als Regierung?
- Political participation – Können Menschen teilnehmen?
- Democratic culture – Gibt es eine demokratische Kultur?
- Civil liberties – Sind Bürger:innenrechte geschützt?
Länder werden auf einer Skala von 0–10 bewertet. Deutschland insgesamt ist 2024 mit einem Score von etwa 7,9 eine „Flawed Democracy". Nicht perfekt, aber stabil.
Der Punkt ist: Diese Zahl verdeckt relevante interne Unterschiede.
Der Deutschland-Monitor 2024Das Zeitgeschichtliche Forum zeigt das anhand des „Deutschland-Monitor 2024" – eine Zusammenarbeit zwischen dem Zentrum für Sozialforschung Halle (ZSH), dem Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie dem GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften.
Die Studie befragte Deutsche in April, Mai und Juni 2024 und kam zu interessanten Ergebnissen:
Knapp 99 % halten die Idee der Demokratie für sehr gut oder eher gut.
Das ist bemerkenswert. Die Idee wird nahezu universell unterstützt. Aber wenn es um die Umsetzung geht, zeigt sich ein anderes Bild.
Hier sind die Zahlen, die im Museum an der Wand hängen: In Ostdeutschland ist eine Mehrheit (53 Prozent) sehr unzufrieden oder eher unzufrieden mit dem praktischen Funktionieren der Demokratie. In Westdeutschland beträgt diese Quote 36 Prozent.
Das sind 17 Prozentpunkte Differenz. In einem Land, das seit 36 Jahren wiedervereinigt ist.
Wer vertraut noch?Der Deutschland-Monitor unterscheidet drei Gruppen:
- Zufriedene Demokrat:innen – Menschen, die Demokratie unterstützen und mit ihrer Umsetzung zufrieden sind.
- Politikkritische Demokrat:innen – Menschen, die Demokratie unterstützen, aber unzufrieden mit der konkreten Politik sind.
- Systemkritische Demokrat:innen – Menschen, die Demokratie unterstützen, aber das System selbst hinterfragen.
Im Westen dominieren „zufriedene Demokrat:innen" mit 62 Prozent. Im Osten überwiegen zusammengenommen die politik- und systemkritischen Gruppen gegenüber den zufriedenen.
Das ist ein struktureller Unterschied, der sich in unterschiedlichen Wahlentscheidungen niederschlägt und die politische Landschaft in Deutschland mitprägt.
Es gibt mehrere, gleichzeitig gültige Erklärungen:
1. Strukturelle Wirtschaft Der Osten ist strukturell schwächer aufgestellt. Arbeitslosigkeit, Abwanderung von Fachkräften, Infrastruktur-Unterinvestition. Diese reale Frustration wird zur politischen Frustration. Der Deutschland-Monitor zeigt: In strukturschwachen Regionen sinkt das Vertrauen in die Demokratie – egal ob Osten oder Westen.
2. Historische Prägung Mehrere Generationen lebten in der DDR. Das Erleben von zentralisierter Kontrolle und eingeschränkter Mitbestimmung hinterlässt Spuren, die sich nicht einfach wegwischen lassen.
3. Wahrgenommene Distanz zu Entscheidungszentren Der Osten stellt bevölkerungsmäßig rund 20 % Deutschlands. Die wirtschaftlichen und politischen Machtzentren befinden sich jedoch überwiegend im Westen. Das erzeugt ein nachvollziehbares Gefühl von Distanz zur politischen Entscheidungsfindung.
4. Soziales Vertrauen Der Deutschland-Monitor zeigt: Im Osten sinkt das Vertrauen in gesellschaftlichen Zusammenhalt deutlich stärker als im Westen. 56 Prozent im Osten sagen, dass Zusammenhalt überhaupt nicht oder eher nicht vorhanden ist. Im Westen sind es 39 Prozent. Es geht also nicht nur um Wahlen – es geht um soziales Vertrauen und Gemeinschaftsgefühl.
Deutschland insgesamt hat einen Demokratieindex von etwa 7,9 und ist damit auf Augenhöhe mit Frankreich, Spanien und Italien – alle „Flawed Democracies". Osteuropa insgesamt liegt bei 5,35.
Das Exponat zeigt nicht, dass Deutschland in einen Niedergang verfällt. Es zeigt, dass Deutschland zwei unterschiedliche historische Lernkurven in sich trägt.
Der Westen: Wiederaufbau, wirtschaftlicher Aufschwung, gewachsene demokratische Kultur. Der Osten: Diktatur, Zusammenbruch, struktureller Neuanfang.
Diese unterschiedlichen Erfahrungen wirken bis heute nach.
Warum 36 Jahre nicht alles lösenDie Wiedervereinigung war 1990. Das sind 36 Jahre. Generationenforschung zeigt: Es braucht typischerweise drei Generationen – also 60–100 Jahre –, um tiefe kulturelle und politische Unterschiede zu überbrücken. Deutschland hat versucht, das in kürzerer Zeit zu schaffen. Das ist bemerkenswert. Aber die Daten zeigen: Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.
Die gute Nachricht (ja, es gibt eine)Der Deutschland-Monitor zeigt auch Ermutigendes:
Deutsche priorisieren mehrheitlich Freiheit gegenüber Sicherheit und Gleichheit. Durchschnittlich 73 % sagen, dass Freiheit wichtiger ist als Gleichheit.
Und: In Kommunen und lokalen Kontexten ist das Vertrauen in demokratische Prozesse deutlich höher als auf nationaler Ebene.
Das bestätigt, wovon wir bei DemocracyHub überzeugt sind: Echte Demokratie funktioniert besser, wenn sie nah ist.
Was das für DemocracyHub bedeutetDas Problem ist nicht die Idee der Demokratie – 99 % unterstützen sie. Das Problem ist die erlebte Umsetzung. Bürger:innen fühlen sich nicht gehört. Sie sehen keine spürbare Verbindung zwischen ihrer Beteiligung und echtem Wandel.
Besonders dort, wo strukturelle Benachteiligung real ist, braucht es lokale Werkzeuge für echte Partizipation:
- Lokale Budgetabstimmungen, bei denen Bürger:innen wirklich entscheiden, wie öffentliche Mittel ausgegeben werden.
- Direkter Kontakt zu Abgeordneten, wo Fragen tatsächlich beantwortet werden.
- Transparente Entscheidungsfindung auf Gemeinde-Ebene, bei der Bürger:innen sehen, dass ihre Stimme zählt.
Im Zeitgeschichtlichen Forum sieht man die Vergangenheit, die Teilung, die DDR, die Friedliche Revolution. Aber das Exponat über den Demokratieindex zeigt etwas anderes: Die Vergangenheit ist noch nicht vollständig vorbei.
Ost und West haben unterschiedliche Beziehungen zur Demokratie. Das ist keine Schuldfrage. Das ist Realität.
Wenn wir wollen, dass Demokratie in ganz Deutschland funktioniert – nicht als Idee, sondern als gelebte Praxis – müssen wir lokaler denken. Strukturell denken. Echte Partizipation ermöglichen.
Der Demokratieindex wird sich nicht allein durch bessere Wahlen verändern. Er wird sich verändern, wenn Bürger:innen wieder erleben, dass ihre Stimme zählt.
Das Zeitgeschichtliche Forum zeigt die Geschichte. Unsere Aufgabe bei DemocracyHub ist, die Zukunft zu gestalten. Eine, in der dieser Index irgendwann nicht mehr Ost gegen West zeigt, sondern einfach: Deutschland.
