Bei der Bundestagswahl 2025 blieben rund 6,8 Millionen gültige Zweitstimmen augenscheinlich ohne jede Auswirkung auf die Sitzverteilung, Stimmen für Parteien, die knapp unter fünf Prozent blieben und deshalb keine Sitze erhielten. Fast jede siebte abgegebene Zweitstimme hatte damit am Ende keinen Einfluss auf die Zusammensetzung des Bundestags. Grund ist eine einzige Regel, über die seit ihrer Einführung 1953 immer wieder gestritten wird: die Sperrklausel.
Die Sperrklausel schreibt vor, dass eine Partei bundesweit mindestens 5 Prozent der Zweitstimmen erreichen muss, um über die Landeslisten in den Bundestag einzuziehen. Wer darunter bleibt – und sei es nur um 0,1 Prozentpunkte wie das BSW 2025 mit 4,98 Prozent, geht "leer" aus, unabhängig davon, wie viele Menschen diese Partei gewählt haben.
Die Fünf-Prozent-Hürde ist eine direkte Lehre aus der Weimarer Republik. Damals sorgte ein reines Verhältniswahlrecht ohne Sperrklausel dafür, dass sich winzige Splitterparteien im Reichstag tummelten und stabile Regierungsbildung fast unmöglich machten. Die Sperrklausel soll diese Zersplitterung verhindern und dafür sorgen, dass der Bundestag handlungsfähig bleibt.
Lange Zeit gab es eine Ausnahme, wer mindestens drei Wahlkreise direkt gewann, zog trotz Verfehlens der Fünf-Prozent-Marke mit vollem Zweitstimmenanteil ins Parlament ein, die sogenannte Grundmandatsklausel. Im Zuge der Wahlrechtsreform von 2023, die vor allem die Größe des Bundestags begrenzen sollte, wurde diese Ausnahme grundsätzlich abgeschafft.
Das ging dem Bundesverfassungsgericht zu weit. In seinem Urteil vom 30. Juli 2024 entschied es, dass die verschärfte Sperrklausel in ihrer damaligen Fassung gegen die Grundsätze der Wahlgleichheit und der Chancengleichheit der Parteien verstößt. Bis der Gesetzgeber nachbessert, gilt seither eine Übergangsregel. Parteien unter 5 Prozent bleiben nur dann unberücksichtigt, wenn sie zusätzlich in weniger als drei Wahlkreisen die meisten Erststimmen geholt haben, die Grundmandatsklausel lebt also in abgeschwächter Form vorerst fort.
Die Diskussion ist damit keineswegs beendet. Der frühere Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier forderte 2026 öffentlich, die Hürde von fünf auf drei Prozent zu senken, und verwies auf die Millionen verlorener Stimmen bei der Wahl 2025. Er argumentiert, mehr Parteien im Parlament bedeuteten mehr, nicht weniger Demokratie, auch weil bei Europawahlen in Deutschland seit einem Urteil von 2011 überhaupt keine Sperrklausel mehr gilt. Parteien wie Die Linke unterstützen eine Absenkung, die Union lehnt sie mit Verweis auf die Stabilität der Regierungsbildung ab.
Die Sperrklausel zeigt exemplarisch den Grundkonflikt jedes Verhältniswahlrechts, zwischen möglichst genauer Abbildung des Wählerwillens einerseits und einem arbeitsfähigen Parlament andererseits. Es gibt keine neutrale, „richtige" Prozentzahl, jede Schwelle ist eine politische Entscheidung darüber, wessen Stimme am Ende zählt und wessen nicht.