Ein Mensch lebt allein im Gir-Nationalpark in Gujarat, trotzdem bekommt er bei jeder Parlamentswahl sein eigenes Wahllokal, extra für ihn aufgebaut. Der Grund ist eine einzige Regel der indischen Wahlkommission, nämlich das kein Wahlberechtigter mehr als zwei Kilometer bis zur nächsten Urne zurücklegen müssen soll.
Indien ist mit weit über 900 Millionen Wahlberechtigten die größte Demokratie der Erde, mehr als ein Zehntel der Weltbevölkerung darf hier abstimmen. Um das logistisch zu bewältigen, richtet die Wahlkommission über eine Million Wahllokale ein und mobilisiert rund elf Millionen Wahlhelfer:innen. Die Wahl selbst zieht sich deshalb über mehrere Wochen und findet in sieben zeitlich versetzten Phasen statt, damit Sicherheitskräfte und Wahlmaschinen von Region zu Region weiterziehen können. Erst wenn die letzte Phase beendet ist, werden landesweit gleichzeitig die Stimmen ausgezählt.
Damit die eingangs erwähnte Zwei-Kilometer-Regel überall eingehalten wird, reisen Wahlteams mit Elektronischen Wahlmaschinen durch Gletscherregionen im Himalaya, Wüstenstriche in Rajasthan und tief in den Dschungel Zentralindiens, teils tagelang zu Fuß, mit Booten oder auf Elefanten. Die Maschinen selbst sind simple, robuste Geräte: Eine Steuereinheit bei der Wahlaufsicht gibt eine Stimme frei, über ein Kabel verbunden gibt die wählende Person dann per Knopfdruck ihre Stimme an einer zweiten Einheit ab. Seit den frühen 2000er-Jahren sind diese Maschinen landesweit im Einsatz und haben das früher verbreitete Problem des „Booth Capturing" bei dem organisierte Gruppen ein Wahllokal stürmen und die Urne mit gefälschten Stimmzetteln füllen, weitgehend beendet.
Ein zweites, sehr analoges Sicherheitsmerkmal ergänzt die Hightech-Wahlmaschinen, unsichtbare, aber UV-nachweisbarer Tinte, die jeder wählenden Person nach der Stimmabgabe auf den Finger getupft wird. Diese Praxis stammt aus den 1950er-Jahren und wird bis heute exklusiv von einer staatlichen Firma in Mysuru hergestellt und mittlerweile in mehr als zwei Dutzend andere Länder exportiert. Der Fleck verhindert Mehrfachabstimmungen und ist zugleich zu einem kleinen Statussymbol geworden: Fotos vom eingefärbten Finger sind in den sozialen Medien während der Wahlzeit allgegenwärtig.
Gewählt wird die Lok Sabha, das Unterhaus des Parlaments, mit aktuell 545 Sitzen. Indien hat damit in Relation zur Bevölkerungsgröße die weltweit kleinste Volksvertretung. Die schiere Größe des Landes sorgt aber auch für eine enorme Bandbreite an Wahlkampfthemen und Sprachen. Offizielle Stimmzettel und Wahlmaterialien müssen in zahlreichen Landessprachen bereitgestellt werden. Gleichzeitig macht genau diese Größe Indien zu einem der teuersten Wahlereignisse der Welt. Schätzungen zufolge fließen Milliardenbeträge in Wahlkämpfe, mehr als in vielen anderen Demokratien.
Indien zeigt eindrücklich, dass die technische und logistische Machbarkeit einer Wahl selbst eine demokratische Errungenschaft sein kann, unabhängig vom Wahlsystem im engeren Sinn. Wo andere Länder über Wahllokal-Öffnungszeiten oder Briefwahlfristen diskutieren, löst Indien die Zugänglichkeit von Wahlen buchstäblich mit Elefanten und Booten. Das wirft eine Frage auf, die auch für Deutschland relevant bleibt. Wie viel Aufwand ist eine Gesellschaft bereit zu betreiben, damit wirklich niemand von der Wahlurne ausgeschlossen bleibt?