January 24, 2026
Samstagsfrage: Länderfokus Neuseeland - Die Demokratie aus der Keksdose

Es gibt Momente in der Arbeit bei DemocracyHub, in denen ich denke: „Moment, das ist nicht real." Diese Woche war so ein Moment. 

Im neuseeländischen Parlament werden Gesetzesvorschläge von Abgeordneten aus einer Keksdose gezogen. Einer abgenutzten Metallblechdose, die in den 1990ern mal echte Kekse enthielt und jetzt mit nummerierten Bingo-Chips gefüllt ist.Und das ist keine Parodie. Das ist ganz ernsthafte Demokratie.

Der Kontext: Warum eine Keksdose besser ist als du denkst

Lass mich mit einer einfachen Frage anfangen: Wie kriegt ein Gesetzesvorschlag eines unbekannten Abgeordneten im Parlament eine Chance?

In Deutschland funktioniert das so: Der Abgeordnete braucht Unterstützung von anderen Abgeordneten, von seiner Partei, oder (wenn er wirklich Glück hat) von einer großen Bewegung. Das heißt im Umkehrschluss: Neue oder unpopuläre Ideen brauchen viel politische Rückendeckung, um überhaupt mal gehört zu werden.

In Neuseeland funktioniert das anders.

  • Jeder Abgeordnete kann einen Gesetzentwurf einreichen. Egal von welcher Partei, egal wie beliebt oder unpopulär. Eine echte Gleichberechtigung.
  • Die Vorschläge gehen in die Dose. Nummern werden auf Bingo-Chips geschrieben, die Chips landen in dieser verbeulten alten Metallblechdose.
  • Ein neutraler Dritter zieht. Nicht der Parlamentsleiter, nicht ein politischer Machthaber, oft ein Student oder Besucher, jemand ganz Unbeteiligtes. Die Impartialität ist das Herzstück.
  • Die gezogenen Gesetze kommen in die Debatte. Sie bekommen echte Sendezeit im Parlament. Nicht versteckt, nicht ignoriert, echte Aufmerksamkeit.

David Wilson, der Clerk des Hauses, sagt: „Es gibt viel Aufregung, wenn aus der Dose gezogen wird. Wenn der Abgeordnete anwesend ist, gibt es meistens Jubelrufe. Es ist ziemlich spannend in dem Moment." (Q1)

Das ist nicht zufällig. Das ist Design.

Warum das brillant ist (und warum wir das in Deutschland beachten sollten)

Das neuseeländische System löst ein echtes Problem der modernen Demokratie: Die Machtkonzentration.

Schau dir Deutschland an. Wie viele neue Ideen sterben, bevor sie mal debattiert werden, weil sie keine Rückendeckung von oben haben? Wie viele Abgeordnete, besonders die neuen und die aus kleineren Parteien, erleben, dass ihre Vorschläge nie die Öffentlichkeit erreichen? Das ist nicht nur ungerecht, es ist auch ineffizient. Neuseeland zeigt: Wenn wir wollen, dass gute Ideen entstehen, müssen wir ihnen eine strukturelle Chance geben, unabhängig davon, wer sie hat. Und die Ergebnisse sprechen für sich. Aus dieser Keksdose kamen einige der bedeutendsten neuseeländischen Gesetze der letzten Jahre:

  • Der Adult Adoption Information Act 1985, der Adoptierten Zugang zu ihren Unterlagen verschafft
  • Der Marriage Equality Act 2013, der gleichgeschlechtliche Ehe legalisierte
  • Der End of Life Choice Act 2019, der assistiertes Sterben erlaubt

Das sind keine Nebensachen. Das sind gesellschaftliche Transformationen. Und sie kamen nicht aus der Regierungszentrale. Sie kamen aus Abgeordneten mit guten Ideen, denen eine faire Chance gegeben wurde.

Die Geschichte dahinter: Wie eine Keksdose eine nationale Tradition wurde

Bis in die 1990er Jahre funktionierte das System anders: Wenn ein neuer Slot im Parlamentskalender frei wurde, rannten die Abgeordneten buchstäblich zum Sekretariat des Hauses und versuchten, ihre Gesetzesentwürfe als Erste einzureichen. Manche warteten die ganze Nacht davor, um die ersten zu sein. Ein Mitarbeiter kaufte schließlich eine Blechdose mit Keksen aus einem lokalen Supermarkt. Sobald die Kekse gegessen waren, wurde die Dose zweckentfremdet. Bingo-Chips rein, Gesetze rein, Zufall rein. Ende der Nacht-Warteschlangen.Es war eine pragmatische Lösung zu einem bürokratischen Problem. Und über 30 Jahre später ist sie immer noch da, gepflegt in einer Glasvitrine, hervorgeholt wenn es nötig ist.Das sagt etwas über Neuseeland. Es sagt: Wir nehmen Fairness ernst. Aber wir müssen uns dabei nicht wichtig nehmen.

Das tiefere Prinzip: Dezentralisierte Macht

Für mich bei DemocracyHub ist die Keksdose ein Lehrbuch-Beispiel für ein Prinzip, das wir versuchen, überall umzusetzen: Dezentralisierte Macht. Das System sagt nicht: „Die mächtige Person entscheidet, was debattiert wird." Es sagt: „Jeder bekommt eine faire Chance, und der Zufall entscheidet, wer wann dran ist." Das ist nicht perfekt. Manchmal sitzt eine großartige Idee Jahre lang in der Dose, bevor sie gezogen wird. (Zwei Sklaverei-Gesetze warten derzeit seit Juli 2025, und das ist ein echtes Problem.) Aber es ist gerechter als das System davor. Und es ist gerechter als die Alternative: Dass nur die Mächtigen gehört werden.Und hier ist das Wichtige: Es funktioniert wirklich. Wilson sagt es offen: „Wir könnten ein Computersystem bauen. Aber wir haben dieses System, es funktioniert, und die Menschen mögen es."

Was wir von Neuseeland lernen könnten

Könnte Deutschland ein ähnliches System einführen? Theoretisch ja. Die Bundestag-Initiativen existieren bereits. Die Frage ist: Wie viel echte Zeit bekommen sie? Wie sichtbar sind sie? Wie fair ist der Prozess für unbekannte Abgeordnete? Hier ist, was die Keksdose so erfolgreich macht:

  • Transparenz. Nichts ist versteckt. Alles passiert öffentlich, mit Publikum, mit Theater. Das macht es schwer zu ignorieren oder zu manipulieren.
  • Gleichheit. Nicht die Mächtigen entscheiden. Ein neutraler Dritter, oft jemand völlig Unbeteiligtes. Das ist wichtig.
  • Fairness. Das System wurde nicht gemacht, um einen bestimmten Typen von Gesetzen zu bevorzugen. Es begünstigt niemanden außer den Zufall.
  • Kultureller Wert. Neuseeland hat das System zu einem Symbol gemacht, das die Demokratie repräsentiert. Es ist nicht nur funktional, es ist identitätsstiftend.

Für DemocracyHub ist das ein Playbook

Wenn ich die Keksdose anschaue, sehe ich keine Skurrilität. Ich sehe ein System, das ich bei DemocracyHub nachbauen will, auf digitaler Ebene:

  • Gleichberechtigung: Jeder kann eine Idee einreichen, egal ob er eine Million Follower hat oder niemand ihn kennt.
  • Fairness: Der Zufall entscheidet.
  • Transparenz: Es ist sichtbar, wie Entscheidungen getroffen werden. Nicht hinter verschlossenen Türen, sondern im Licht der Öffentlichkeit.
  • Kulturelle Bedeutung: Das System repräsentiert einen Wert. In Neuseeland ist es Fairness, in Deutschland könnte es echte Partizipation sein.

Die Keksdose ist nicht perfekt. Sie hat Probleme. Aber sie ist ehrlich. Sie sagt: „Wir glauben, dass jeder Abgeordnete gleich wertvoll ist."

Und genau das sollte Demokratie sein.

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