Am 12. April 2026 hat Peru gewählt – und die Wahl war, laut der peruanischen Wahlbehörde ONPE, „die komplexeste in der Geschichte des Landes". Auf einem einzigen Stimmzettel standen mehr als vierzig Parteien zur Auswahl. Erstmals seit über drei Jahrzehnten wurde wieder ein Zweikammern-Parlament gewählt. Und nach einer Dekade, in der acht verschiedene Personen das Präsidentenamt innehatten, ging es um nichts Geringeres als die Frage, ob Peru institutionell wieder zur Ruhe kommen kann. Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf dieses Wahlsystem zu werfen, weil es in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich ist – und weil es einige Eigenheiten kennt, die in keiner deutschen Wahl vorkommen.
Die Rückkehr der Bicameralidad
Beginnen wir mit der größten institutionellen Veränderung. Seit 1993 hatte Peru ein Einkammern-Parlament – eine Entscheidung, die Alberto Fujimori in seiner damals neu geschriebenen Verfassung verankert hatte. Über drei Jahrzehnte lang blieb das so. Ende 2024 dann die Kehrtwende: Per Verfassungsänderung beschloss das peruanische Parlament die Wiedereinführung des Zweikammernsystems – und damit eine Rückkehr zur älteren republikanischen Tradition.
Das neue System sieht zwei Kammern vor: einen Senat mit 60 Mitgliedern und ein Abgeordnetenhaus mit 130 Mitgliedern. Schon die Wahllogik unterscheidet sich. Im Senat werden 30 Sitze landesweit in einem einzigen Wahlkreis gewählt, weitere 30 nach Regionen. Das Abgeordnetenhaus wird in 27 territorial differenzierten Wahlkreisen gewählt – je einem pro Departement plus die Provinz Lima, die Provincia Constitucional del Callao und ein eigener Wahlkreis für die im Ausland lebenden Peruaner. Diese letzte Kategorie umfasst rund 1,2 Millionen Wahlberechtigte in 68 Ländern – eine demokratische Dimension, von der Deutschland mit seiner schwierigen Auslandsbriefwahl noch einiges lernen könnte.
Warum überhaupt zurück zur Bicameralidad? Die offizielle Begründung lautete, ein Senat solle als Korrektiv wirken, gesetzgeberische Qualität verbessern und Polarisierung dämpfen. Tatsächlich war Perus Einkammern-Kongress in den vergangenen Jahren regelmäßig zum Krisenherd geworden – mit Misstrauensvoten gegen Präsidenten, schnellen Mehrheitsverschiebungen und institutioneller Instabilität. Kritiker monieren, dass die wiedereingeführte zweite Kammer das Problem nicht löse, sondern lediglich verdopple.
Voto preferencial: Wenn die Liste nicht alles ist
Ein weiteres Detail des peruanischen Wahlsystems ist für deutsche Augen ungewohnt: das voto preferencial. Wer eine Partei wählt, kann zusätzlich zwei Kandidaten auf der Liste dieser Partei bevorzugen. Diese Vorzugsstimmen entscheiden mit darüber, in welcher Reihenfolge die Kandidaten letztlich ins Parlament einziehen.
Das ist eine Mischform: Die Listenreihenfolge wird zwar von der Partei festgelegt, aber die Wähler haben die Möglichkeit, sie zu durchbrechen. In Italien funktioniert das System ähnlich, in Finnland sogar noch radikaler – dort wählen die Wähler ausschließlich Personen, die Parteien sind nur lockere Container für Kandidaten. Der peruanische Mittelweg sorgt für starke innerparteiliche Konkurrenz: Kandidaten kämpfen nicht nur gegen andere Parteien, sondern auch gegen ihre eigenen Listenkollegen um Vorzugsstimmen. Das macht Wahlkämpfe persönlicher, aber auch ressourcenintensiver – wer keine eigene Kampagne finanzieren kann, hat es schwer.
Demokratietheoretisch ist das ein interessanter Ansatz: Die Macht der Parteizentralen, durch starre Listen ihre Klientel ins Parlament zu bringen, wird beschnitten. Die Macht des einzelnen Wählers, über konkrete Personen mitzubestimmen, wächst. Der Preis: Eine Liste kann am Wahlabend ganz anders aussehen, als die Parteivorsitzenden sich das gedacht haben.
Wahlpflicht und das Multa-System
Zwei weitere Eigenheiten gehören erwähnt, weil sie das demokratische Verhalten in Peru fundamental prägen. Erstens: In Peru besteht Wahlpflicht. Wer ohne triftigen Grund nicht zur Wahl erscheint, zahlt ein Bußgeld – die sogenannte multa por omisión. Die Höhe variiert je nach Region und Einkommenslage, kann aber spürbar sein. Über 70-Jährige sind von der Pflicht befreit, jüngere Erwachsene nicht. Das Ergebnis: Peru hat traditionell sehr hohe Wahlbeteiligungen, in der Regel über 75 Prozent.
Zweitens: Die Präsidentschaftswahl folgt einer klassischen lateinamerikanischen Logik – Stichwahl, wenn niemand im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreicht. Die erste Runde fand am 12. April 2026 statt, die Stichwahl ist für den 7. Juni 2026 angesetzt. Da das Feld mit über vierzig Kandidaten extrem fragmentiert war, war von Anfang an klar, dass keine Stimmabgabe die 50-Prozent-Marke knacken würde.
Wie fragmentiert es tatsächlich wurde, zeigt das Ergebnis des ersten Wahlgangs: Keiko Fujimori, langjährige Anführerin von Fuerza Popular, lag mit rund 17 Prozent auf Platz eins – eine relative, aber äußerst dünne Mehrheit. Dahinter rangen mehrere Kandidaten im engen Bereich um den zweiten Platz, der zur Stichwahl berechtigt. Eine Präsidentschaft mit so schmaler Erstrunden-Legitimation aufzubauen, ist eine politische und institutionelle Herausforderung – wer mit 17 Prozent in die Stichwahl geht, gewinnt zwar das Amt, aber kaum ein Mandat.
Der politische Kontext: Acht Präsidenten in zehn Jahren
Man kann das peruanische Wahlsystem nicht verstehen, ohne die Krise zu kennen, in der es eingesetzt wird. Seit 2016 ist Peru in einem Zustand permanenter politischer Instabilität. Acht Personen haben in dieser Zeit das Präsidentenamt innegehabt – darunter Pedro Pablo Kuczynski (zurückgetreten), Martín Vizcarra (abgesetzt), Manuel Merino (nach Tagen zurückgetreten), Francisco Sagasti (Übergang), Pedro Castillo (abgesetzt nach Selbstputsch-Versuch), Dina Boluarte (abgesetzt) und José Jerí. Vor den Wahlen amtierte als Übergangspräsident José María Balcázar.
Möglich wurde das durch den verfassungsrechtlichen Mechanismus der vacancia presidencial: Der Kongress kann den Präsidenten wegen „dauerhafter moralischer Unfähigkeit" absetzen – eine Klausel, deren Konturen so vage sind, dass sie zur politischen Waffe wurde. Mit einer Zweidrittelmehrheit kann der Kongress den Präsidenten entlassen, der Präsident kann den Kongress auflösen, wenn ihm zweimal das Vertrauen verweigert wurde. Das Ergebnis: gegenseitige Erpressbarkeit auf höchstem institutionellem Niveau.
Die Frage, ob die Reform zur Bicameralidad daran etwas ändern wird, ist offen. Manche Beobachter hoffen, ein Senat könne als kalter Kopf wirken; andere fürchten, ein zweites Vetoorgan werde die ohnehin schon dysfunktionale Beziehung zwischen Exekutive und Legislative weiter verkomplizieren.
Logistik, Misstrauen, Anschuldigungen
Die Wahl 2026 selbst war von erheblichen logistischen Problemen geprägt. In Lima, der Hauptstadt, kam Wahlmaterial in zahlreichen Bezirken verspätet an, dreizehn Wahllokale mussten ihren Betrieb erst am Folgetag aufnehmen. Die Stimmenauszählung zog sich tagelang hin. Der ultrakonservative Kandidat Rafael López Aliaga, der knapp den Einzug in die Stichwahl verfehlte, sprach von „enormem Betrug" und rief seine Anhänger zur „zivilen Insurgenz" auf, ohne Belege vorzulegen. Keiko Fujimori distanzierte sich von solchen Aufrufen und forderte, Vorwürfe mit Fakten und Daten zu unterlegen, nicht mit Narrativen.
Das Misstrauen in Wahlinstitutionen ist im heutigen Lateinamerika kein peruanisches Spezifikum. Die OAS-Wahlbeobachtungsmission hatte schon vor der Wahl gewarnt, das größte Risiko gehe nicht von Manipulation aus, sondern von Narrativen über Manipulation – also von Akteuren, die Wahlergebnisse delegitimieren, wenn sie ihnen nicht passen. Auch hier wirkt das Echo Donald Trumps.
Was diese Wahl bedeutet
Peru hat sich 2026 institutionell neu aufgestellt. Mit der Rückkehr zur Bicameralidad, dem komplexen Stimmzettel mit 40+ Parteien, der hohen Wahlpflicht-Beteiligung und der traditionellen Stichwahl ist es ein Wahlsystem mit vielen demokratischen Sicherungen – und gleichzeitig eines, das die fundamentale Krise des Landes nicht überdeckt. Ein Präsident, der mit 17 Prozent in die Stichwahl geht, eine Sitzverteilung, die durch voto preferencial die Parteistrukturen aufweicht, ein Kongress, der wieder zwei Kammern hat – das alles sind technische Antworten auf strukturelle Probleme.
Ob diese Antworten tragen, wird sich erst zeigen. Die Stichwahl am 7. Juni wird ihren Teil dazu beitragen. Aber bemerkenswert bleibt, wie viel ein Wahlsystem über den Zustand einer Demokratie verraten kann: ihre Konfliktlinien, ihre Hoffnungen, ihre offenen Wunden. In Peru sind sie alle auf einem einzigen Stimmzettel sichtbar – ein Stück Papier mit 40 Parteien, das in vielerlei Hinsicht selbst zum politischen Symbol geworden ist.
