July 4, 2026
Samstagsfrage: Was ist eigentlich eine Stichwahl?

Bei der Bürgermeisterwahl gewinnt niemand im ersten Durchgang die nötige Mehrheit. Zwei Wochen später wird noch einmal abgestimmt – diesmal nur noch zwischen den beiden Stärksten. Das kennen viele aus der Kommunalpolitik. Aber was steckt hinter diesem Verfahren, wann ist es sinnvoll, und wo stößt es an Grenzen?

Was ist eine Stichwahl?

Eine Stichwahl (auch: Run-off-Wahl) ist eine zweite Wahlrunde zwischen den Kandidatinnen oder Kandidaten, die im ersten Durchgang die meisten Stimmen erhalten haben, aber keine qualifizierte Mehrheit erreichten. In Deutschland ist das vor allem bei Direktwahlen von Bürgermeisterinnen, Landräten und Oberbürgermeistern bekannt. Die meisten Bundesländer sehen eine Stichwahl vor, wenn im ersten Durchgang keine absolute Mehrheit (über 50 Prozent) erreicht wird.

Die Grundlogik: Legitimität durch Mehrheit

Der Grund für Stichwahlen ist demokratisch nachvollziehbar. Wenn fünf Kandidatinnen und Kandidaten antreten und die Stärkste mit 28 Prozent der Stimmen gewinnt, hat sie faktisch 72 Prozent der Wählenden gegen sich. Das ist rechtlich einwandfrei – aber demokratisch unbefriedigend.

Die Stichwahl erzwingt eine klare Mehrheit: Am Ende muss sich eine Person gegen genau eine andere durchsetzen, mindestens eine Stimme mehr als 50 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen erhalten.

Wo wird sie eingesetzt?

In Deutschland auf kommunaler und teils auf Landesebene. Frankreich nutzt die Stichwahl für Präsidentschaftswahlen und Parlamentswahlen – das zweistufige Verfahren ist dort ein zentrales Element des politischen Systems. In den USA gibt es in einigen Bundesstaaten Run-off-Wahlen für bestimmte Ämter, in anderen nicht.

International ist die Stichwahl vor allem bei Direktwahlen verbreitet, bei denen ein einzelnes Amt mit exekutiver Macht besetzt wird: Präsidenten, Gouverneure, Bürgermeisterinnen.

Kritik am Verfahren

Wahlbeteiligung sinkt. Bei Stichwahlen gehen deutlich weniger Menschen zur Urne als im ersten Durchgang. In deutschen Kommunen sind Beteiligungsraten von unter 30 Prozent bei Stichwahlen keine Seltenheit. Das wirft die Frage auf, ob eine Wahl mit niedriger Beteiligung tatsächlich mehr Legitimität erzeugt als ein Ergebnis aus dem ersten Durchgang.

Strategisches Abstimmungsverhalten. Im ersten Durchgang können Wählende ihre echte Präferenz ausdrücken. In der Stichwahl müssen sie zwischen zwei Optionen wählen, von denen keine möglicherweise ihrer Erstpräferenz entspricht. Das Ergebnis spiegelt dann Ablehnung der jeweils anderen Seite wider – nicht notwendigerweise Zustimmung.

Zeit und Kosten. Zwei Wahlgänge bedeuten doppelten logistischen und finanziellen Aufwand, doppelte Belastung für Wahlhelferinnen und Wahlhelfer, doppelte Organisationsarbeit für Gemeinden.

Alternativen: Rangwahl statt Stichwahl

Einige Länder und Organisationen setzen auf Wahlverfahren, die eine Stichwahl überflüssig machen, weil sie die Präferenzinformation bereits im ersten Durchgang erfassen. Das australische Präferenzwahlsystem (das wir im Australien-Beitrag beschrieben haben) ist ein Beispiel: Wählende nummerieren alle Kandidierenden in ihrer Reihenfolge, und die Zweit- und Drittpräferenzen werden einbezogen, bis jemand eine Mehrheit hat.

Das ist rechnerisch äquivalent zu mehreren Stichwahlen – nur ohne mehrere Wahltage.

Für Vereinswahlen gilt ähnliches: Wenn Sie mehrere Kandidatinnen für ein Amt haben, können Sie entweder mit Stichwahl arbeiten oder von vornherein ein Präferenzwahlverfahren nutzen. Beides ist satzungskonform möglich – solange das Wahlgeheimnis gewährleistet ist.

Fazit

Die Stichwahl ist ein vernünftiges Instrument für Direktwahlen mit vielen Kandidatinnen und Kandidaten – solange man sich der Schwächen bewusst ist. Sinkende Wahlbeteiligung im zweiten Durchgang kann die erhoffte Mehrheitslegitimität unterhöhlen. Wer für seine Organisation oder Gemeinde das passende Wahlverfahren wählt, sollte diese Abwägung explizit treffen: Was ist wichtiger – eine absolute Mehrheit, oder eine möglichst hohe Beteiligung?

Manchmal sind das verschiedene Ziele.

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