Es gibt eine berühmte Studie aus dem Jahr 2007, deren Titel allein schon eine politische Provokation enthält: „The Republicans Should Pray for Rain" ( = die Republikaner sollten für Regen beten). Die drei US-amerikanischen Politikwissenschaftler Brad Gomez, Thomas Hansford und George Krause hatten US-Präsidentschaftswahlen von 1948 bis 2000 analysiert und Wetterdaten von tausenden Wetterstationen über das Land gelegt. Sie erkannten, jeder zusätzliche Zoll Niederschlag am Wahltag senkt die Wahlbeteiligung um knapp ein Prozent. Und dieser Wahlbeteiligungs-Verlust trifft Demokraten härter als Republikaner. Hochgerechnet, so die Autoren, hätte ein trockenerer Wahltag im Jahr 2000 die berühmte Florida-Entscheidung möglicherweise zugunsten von Al Gore gekippt.
Seitdem ist das Thema ein kleines, aber faszinierendes Forschungsfeld. Die Frage ist auf den ersten Blick fast trivial, denn natürlich beeinflusst Wetter, ob Menschen vor die Tür gehen. Auf den zweiten Blick aber stellt sich heraus, dass darin eine demokratietheoretisch heikle Wahrheit steckt. Wenn Wetter die Zusammensetzung der Abstimmenden verändert, dann beeinflusst eine zufällige Naturlaune politische Ergebnisse. Und das wirft Fragen auf, die weit über Meteorologie hinausgehen.
Der entscheidende Punkt, den die Forschung konsistent zeigt, ist, dass Wetter nicht ändert wen jemand wählt sondern ob jemand wählt. Wer an einem regnerischen Sonntag im Bett bleibt, hat nicht plötzlich seine politische Meinung geändert. Er hat nur eine Hürde nicht überwunden, die ein anderer Wähler – sagen wir, der gut organisiert, hoch motiviert oder politisch eingebundener ist – problemlos überwindet.
Das bedeutet der politische Effekt von Wetter ist ein Kompositionseffekt. Die Wählerschaft, die tatsächlich an die Urne kommt, ist bei schlechtem Wetter eine andere als bei gutem. Wenn diese beiden Wählerschaften unterschiedliche Parteipräferenzen haben, verschiebt sich das Ergebnis ohne dass irgendjemand seine Meinung geändert hätte.
Was macht eine Wählergruppe „wetterfest"? Die Faktoren, die in der Literatur immer wieder auftauchen sind starkes politisches Interesse, hohe Parteibindung, lokale Vereins- und Milieuverankerung sowie Pflichtbewusstsein gegenüber dem Wahlakt. Wenig wetterfest sind dagegen Gelegenheitswähler, junge Erstwähler, politisch weniger Engagierte oder sozial isolierte Personen. Die Hypothese in den USA war, dass diese zweite Gruppe sich eher mit demokratischen Wählern überschneidet, weshalb Regen Republikanern nutzt.
Deutschland unterscheidet sich vom US-Beispiel in einer entscheidenden Hinsicht, nämlich der Briefwahl. Während in den USA Wetter-Studien sich vor allem auf den Wahltag selbst konzentrieren müssen, hat Deutschland mit der Briefwahl eine wachsende Gruppe von Wählerinnen und Wählern, die ihre Stimme schon Tage oder Wochen vor dem Wahltag abgegeben haben. Für diese Gruppe ist das Wetter am Wahlsonntag völlig irrelevant.
Das macht Deutschland zu einem methodisch fast eleganten Forschungsfeld. Forschende können innerhalb desselben Wahlkreises zwei Datensätze nebeneinanderlegen: das Urnenergebnis (vom Wetter potenziell beeinflusst) und das Briefwahlergebnis (vom Wetter unabhängig). Die Differenz zwischen beiden, in Beziehung gesetzt zur tatsächlichen Wetterlage am Wahltag, erlaubt Rückschlüsse auf einen möglichen Wetter-Effekt ohne dass man andere strukturelle Unterschiede zwischen Wahlkreisen mitmessen müsste. In der Sprache der empirischen Sozialforschung nennt sich das ein Difference-in-Differences-Design. Die Briefwahl fungiert sozusagen als wetterfeste Kontrollgruppe. Dabei müssen wir aber auch daran Denken, dass bereits die Briefwahl allein von unterschiedlichen Gruppen präferiert wird.
Wenn man sich anschaut, wer in Deutschland traditionell stärker per Briefwahl wählt, ergibt sich ein interessantes Bild. Briefwähler sind im Durchschnitt älter, gebildeter, organisierter und gehören sozio-strukturell tendenziell zur bürgerlichen Mitte, sind also eher CDU/CSU-affin. Wer dagegen am Wahltag erst entscheidet, ob er hingeht, und wer das eher spontan tut, gehört häufiger zu jüngeren, urbanen, akademisch-progressiven Milieus, also eher Grüne, Linke und Teile der SPD. Wenn diese Empirie zutrifft, dann ist die deutsche Variante des Gomez-Effekts gespiegelt. Eine empirische Untermauerung dieser Hypothese steht noch aus, aber die Logik ist konsistent mit dem, was wir über die soziale Zusammensetzung der Wählergruppen wissen.
Spannend wird das vor allem mit Blick auf den Wahlausgang 2021 und 2025. Beide Bundestagswahlen fanden im September statt, also in einem Monat, der wetterlich höchst variabel sein kann. 2021 entfielen erstmals knapp die Hälfte aller Stimmen auf die Briefwahl – ein direkter Effekt der COVID-Pandemie, der das deutsche Wahlverhalten dauerhaft verändert hat. Diese „Briefwahl-Explosion" wäre für eine empirische Studie ein quasi-experimenteller Glücksfall. Vergleicht man die Wettersensitivität vor und nach 2021, lässt sich die Selektionsdynamik genauer ausmessen.
Eine seriöse Studie zu diesem Thema muss allerdings mehrere methodische Klippen umschiffen. Wer Briefwahl beantragt, ist niemals zufällig ausgewählt. Briefwähler unterscheiden sich strukturell von Urnenwählern, und zwar in Dimensionen, die selbst Einfluss auf Parteipräferenzen haben (Alter, Bildung, Lebenslage). Das macht den Vergleich zwischen beiden Gruppen heikel denn man vergleicht nicht denselben Wähler bei unterschiedlichem Wetter, sondern unterschiedliche Wählertypen. Auch sind die Effekte klein. Wer hier seriös forschen will, braucht viel Variation. Eine einzige Bundestagswahl reicht nicht. Sinnvoll wäre, alle Bundes-, Landes-, Kommunal- und Europawahlen seit etwa 1990 zusammenzuziehen, hunderte Wetter-„Behandlungen" pro Wahlkreis zu generieren und mit Fixed Effects herauszurechnen, was strukturell und nicht wetterbedingt ist.
Hinter der etwas spielerischen Frage „Verändert Wetter Wahlergebnisse?" steckt eine ernsthafte demokratietheoretische Betrachtung. Eine Demokratie, deren Ergebnisse von Niederschlagsmengen am Wahlsonntag mitbestimmt werden, ist eine Demokratie mit einer eingebauten Zufallskomponente. Manche Verfassungsrechtler würden sagen das ist kein Problem, das gleicht sich über die Jahre aus. Andere würden sagen, wenn diese Zufallskomponente systematisch bestimmte Gruppen benachteiligt etwa weil sie sozioökonomisch weniger Ressourcen haben, mit schlechtem Wetter umzugehen –, ist das eine Form von indirekter Wahlhürde.
Die Antwort der Wahlsystem-Forschung darauf ist eindeutig: Je mehr Wege es gibt, eine Stimme abzugeben, desto geringer die Wetterabhängigkeit. Briefwahl ist eine solche Antwort. Frühwahl-Möglichkeiten sind eine andere und digitale Wahlsysteme wären in der Theorie eine dritte.
Was bleibt, ist eine Erkenntnis, die zugleich beruhigt und beunruhigt. Die Wetter-Effekte sind in modernen Demokratien klein, oft nicht einmal statistisch signifikant aber sie sind nicht Null, sie sind systematisch asymmetrisch, und sie zeigen, wie zerbrechlich die Idee der freien Stimmabgabe wird, sobald wir genau hinschauen. Demokratie ist nicht nur die Frage, was Menschen wollen, sondern auch, wer es schafft, sein Wollen zu äußern.
Und manchmal entscheidet darüber, ganz banal, ob morgens die Sonne scheint.